Titelbild Österreichische Gesellschaft für historische Gärten
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Tirol: Ambras

Tirol

 

Die Gartenanlagen von Schloss Ambras

 

An der südöstlichen Stadtgrenze der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck liegt im Stadtteil Amras (sic) das Schloss Ambras mit seiner etwa 20 Hektar umfassenden Garten- und Parkanlage. Sie gehört zusammen mit dem Innsbrucker Hofgarten im Stadtzentrum zu den wichtigsten historischen Gartenanlagen des Bundeslandes Tirols bzw. Österreichs.

 

Der Ansitz auf dem bereits in der Bronzezeit besiedelten Areal wurde 1078 erstmals urkundlich erwähnt. Ab 1363 befand sich Ambras als landesherrliche Burg im Besitz der Habsburger. Die heute erhaltene Anlage, die aus den Gebäudekomplexen des Hochschlosses - der ursprünglichen Burganlage - und dem Unterschloss besteht, geht auf Erzherzog Ferdinand II. von Tirol (1529-1595) zurück, der auch der Schöpfer der bedeutenden Renaissance-Gartenanlagen war.

 

Ferdinand II., Sohn von Kaiser Ferdinand I. und jüngerer Bruder Kaiser Maximilians II., war ein umfangreich gebildeter, kunst- und wissbegieriger Renaissance-Fürst mit großer Sammelleidenschaft. Er hatte als böhmischer Statthalter 20 Jahre in Prag residiert und dort auch die von seinem Vater ausgestalteten Gartenanlagen der Prager Burg kennen und schätzen gelernt.

 

Nach dem Tod seines Vaters erhielt er 1564 die Herrschaft über Tirol und übersiedelte drei Jahre später nach Innsbruck. Bereits mit Antritt seiner Erbschaft 1564 hat er im Ambras, das er seiner geheimen bürgerlichen Gemahlin Philippine Welser übertrug, ein umfangreiches Bauprogramm entfaltet. Der Umbau der Burg zum Renaissanceschloss war bereits 1567 fertiggestellt. Von 1569 bis 1571 errichtete man den südlich dem Hochschloss vorgelagerten "Spanischen Saal". Ab 1570 wurde der Komplex des Unterschlosses errichtet, welcher die umfangreichen Sammlungen des Erzherzogs aufnehmen sollte. 1589 war er fertiggestellt. Der wegen seines als Getreidespeicher genutzten Dachgeschoßes als "Kornschütt" bezeichnete Bau umfasste die Bibliothek, das Antiquarium und die Jagdrüstkammer, daneben auch die Kunst- und Wunderkammer mit weiteren drei Rüstkammern, darunter einer türkischen, sowie die "Heldenrüstkammer". Das bereits unter Ferdinand II. als "Museum" bezeichnete Unterschloss stellt heute den einzigen noch erhaltenen Museumsbau der Renaissance dar, in dem bis heute Sammlungen an ihrem ursprünglichen Ort präsentiert werden. Die Sammlungen sollten das universale Weltbild Ferdinands II. spiegeln und stellten einen wesentlichen Teil seiner fürstlichen Repräsentation dar. Zusammen mit dem Hochschloss und den Gartenanlagen sollten sie ein Gesamtkunstwerk und Weltmodell bilden.

 

Mit der Gartenkunst war Ferdinand II. nicht nur in Prag vertraut geworden. Er hatte auf zwei Reisen zu seinen nach Mantua, Ferrara und Florenz verheirateten Schwestern auch die nördlich der Alpen vorbildgebende italienische Gartenkunst kennengelernt. Wie sein Bruder in Wien mit der Anlage des Neugebäudes setzte er seine Kenntnisse, wenngleich auch in bescheidenerem Maßstab, bei Schloss Ambras und der Gartenanlage "Ruhelust" an der Hofburg in Innsbruck um.

 

In Ambras ließ er von 1565 bis 1568 einen dem Spanischen Saal südlich vorgelagerten, mauerumfriedeten, quadratischen Lustgarten anlegen, der im Westen durch das Ballhaus vom höher liegenden Gelände des Unterschlosses getrennt wurde. Von diesem, nach einem in den Renaissancebau des Hochschlosses einbezogenen mittelalterlichen Gefängnisturm benannten "Keuchengarten" ("Keuchen": mittelhochdeutsch für Gefängnis) existieren jedoch keine Abbildungen oder Pläne aus der Zeit Ferdinands II.

 

 

Kurz nach seiner Fertigstellung beschrieb aber 1574 Steven Winand Pigge, der als Erzieher den Erbprinzen Karl Friedrich von Jülich-Kleve-Berg auf einer Reise begleitete, die Gartenanlage von Ambras überschwänglich. Er erwähnt auch die für fürstliche Gärten des Manierismus typischen Spielereien, wie einen Gartenpavillon, in dem ein mit Wasserkraft betriebener, sich drehenden Tisch auch die daran sitzenden Gäste mitdreht, sowie Wasserkünste und die südlich des Keuchengartens gelegene, ursprünglich als Felsenkeller bezeichnete Bacchusgrotte. Diese war Ort eines Begrüßungsrituals, bei dem die Gäste auf einem schmiedeeisernen Stuhl mit "verborgenen Ketten und Gliedern" festgehalten wurden, bis sie einen Humpen Wein geleert hatten. Der Trinkstuhl wie die Trinkbücher, in die sich die Gäste nach bestandener Probe eintragen mussten, sind bis heute in den Ambraser Sammlungen erhalten.

 

Über die gärtnerische Ausgestaltung ist wenig bekannt, in den Quellen sind jedoch einige Gärtner genannt, darunter der bereits 1569 tätige niederländische Kunstgärtner Adrian de Wiss. Auch die Existenz zahlreicher, auch südländischer Obstsorten wird erwähnt. Erst ein Stich Matthäus Merians d. Ä. in der Topographia Provinciarum Austriacarum von 1649 gibt - mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Ferdinands II. - einen bildlichen Eindruck der Anlage. Im Zentrum des zeittypisch in regelmäßige, reich ornamentierte Beetfelder gegliederten Gartens, der von einer Baumreihe umgeben ist, zeigt Merian einen auf Säulen ruhenden Rundpavillon. Er stellt auch die anderen heute nicht mehr erhaltenen Gartenarchitekturen dar, wie den Pavillon mit dem sich drehenden Tisch und das Kellergebäude über der Bacchusgrotte.

 

Um das Hoch- und Unterschloss und den Keuchengarten ließ Ferdinand II. 1568 bis 1572 einen mauerumfriedeten Tiergarten anlegen, der heute den Großteil des Ambraser Schlossparks bildet. Neben Bachläufen und Fischweihern ließ Ferdinand II. im zerklüfteten Gelände nordöstlich des Hochschlosses auch einen bis heute erhaltenen künstlichen Wasserfall anlegen. Dieser wildromantische Teil des Parks bildet den im Kanon des Renaissancegartens als "Bosco" (Wald) oder "Wildnis" bezeichneten Teil des Gartens, der die wilde und ungestaltete Natur verkörpern sollte. Bereits Steven Winand Pigge lobte den reichen Bestand an Wildtieren und Fischen und erwähnt auch Obst- und Weingärten.

 

Nach dem Tod Ferdinands II. verlor die Anlage jedoch rasch an Bedeutung und verwahrloste. Der Bauzustand des Hoch- und Unterschlosses verschlechterte sich zusehends. Der Keuchengarten wurde nach dem Tod Ferdinands II. in einem Obstgarten umgewandelt, die Gartenarchitekturen verfielen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verbrachte man die Bibliothek größtenteils nach Wien. 1779 wurde das Schloss zur Kaserne und 1797 ein Armeespital eingerichtet. Die Sammlungen wurden im Zuge der napoleonischen Kriege 1806 nach Wien ausgelagert und dort ab 1814 im Unteren Belvedere ausgestellt.

 

Erst mit der Ernennung des Bruders Kaiser Franz Josephs, Erzherzogs Karl Ludwigs (1833-1896) zum Statthalter von Tirol (1855) wurde die Anlage wieder belebt. Karl Ludwig ließ Schloss Ambras vom Architekten Christian Friedrich Ludwig von Förster und dessen Sohn Heinrich im Sinn des romantischen Historismus als Wohnsitz adaptieren und erneuern, ab 1856 auch die Gartenanlagen. Die heutige landschaftliche Gestaltung des ehemaligen Wildparks geht auf diese Umgestaltung zurück. Auch der Keuchengarten wurde landschaftlich gestaltet und erhielt ein Schwimmbecken mit einer kleinen Insel, welches - ohne das später abgebrochene Badehaus - bis heute erhalten ist.

 

 

Bald nach Beendigung der Arbeiten wurde Karl Ludwig 1861 abberufen. 1877 widmete man das Schloss wieder als Museum und sanierte es. Teile der Sammlung wurden zurückgebracht, um weitere Objekte ergänzt und ab 1880 wieder ausgestellt. Die baufälligen Gebäude der Heldenrüstkammer, des Ballhauses und des Kellergebäudes mussten jedoch abgebrochen werden.

 

1913 wählte Thronfolger Franz Ferdinand, der Sohn Karl Ludwigs, das Schloss zu einem seiner Wohnsitze. Er ließ die neogotischen Veränderungen der Architekten Förster entfernen und einen italienischen Renaissancebrunnen in Vorbereich des Unterschlosses aufstellen. Eine erneute Wohnnutzung unterblieb aber infolge der Ermordung des Erzherzogs und seiner Frau 1914.

 

1919 fiel Schloss Ambras aufgrund des Habsburgergesetzes an die Republik Österreich, 1922 wurde der Museumsbetrieb wieder aufgenommen. 1950 unterstellte man das Museum dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Die Parkanlage wurde von nun an von den Österreichischen Bundesgärten betreut.

 

In den 1970er-Jahren erfolgten weitreichende Sanierungs- und Restaurierungsmaßnahmen, in deren Zug die Bundesgärten den Keuchengarten mit historisierenden Gartenelementen aus geschnittenen Buchshecken und -kugeln sowie Eibenkegeln umgestalteten. Auch der gärtnerisch ursprünglich ungestaltete Vorbereich des Unterschlosses wurde in gleichartiger Weise verändert.

 

Seit 1993 erfolgen auf Basis des vom Bundesdenkmalamtes beauftragten Parkpflegewerkes Pflege- und Schnittmaßnahmen zur Reduktion des Wildwuchses des Gehölzbestandes und zur Wiederherstellung der historischen Freiflächen und Sichtachsen.

 

1997 wurde im westlichen Teil des Keuchengartens unter der gartenhistorischen Beratung von Géza Hajós und Monika Frenzel ein Renaissancegarten-Beet durch das Landschaftsarchitektenbüro Maria Auböck und János Kárasz als Zitat der ehemaligen Gestaltung angelegt. Als Vorlage dienten Entwürfe aus dem Musterbuch Hans Puechfeldners, der als Gärtner Kaiser Rudolfs II. in Prag für diesen um 1593 ein Nützliches Khünstbüech der Gartnereij nach Vorbild der Entwürfe von Hans Vredeman de Vries angefertigt hatte. Entsprechend den Gestaltungsprinzipien des Renaissancegartens wurde ein von Hainbuchenhecken mit Bogeneingängen gefasstes quadratisches Gartenquartier angelegt. Dessen streng geometrische, kleinräumige Gartenbeete wurden als mit Holz gefasste erhöhte Beete angelegt, die mit handhohen geschnittenen Buchs- und Heiligenkrauthecken gesäumt sind. Sie zeigen eine in streng geometrischer Austeilung ausgeführte, zeitgenössische Bepflanzung mit Zierblumen, Kräutern, Stauden und Formbäumchen.

 

Der östliche Teil des Keuchengartens zeigt aus denkmalpflegerischen Gründen weiterhin die landschaftliche Gestaltung von 1856 einschließlich des Schwimmbades und der historisierenden Zutaten der 1970er-Jahre.

 

Der Schlosspark von Ambras bildet nicht nur ein wichtiges Naherholungsgebiet für die Innsbrucker Bevölkerung, sondern stellt auch eines der bedeutendsten Gartendenkmale Tirols dar. Trotz der heute verschwundenen ursprünglichen gärtnerischen Gestaltung ist die Anlage von Ambras in seiner Gesamtanlage durch das Zusammenwirken des Hoch- und des bereits ursprünglich so angelegten musealen Unterschlosses sowie der Gartenanlagen als Idealbeispiel einer als Gesamtkunstwerk und Weltmodell gedachten Renaissanceanlage von europäischer Bedeutung.

 

Schloss und Park befinden sich im Eigentum der Republik Österreich. Hoch- und Unterschloss werden von der Burghauptmannschaft Österreich verwaltet und vom Kunsthistorischen Museum - Museumsverband genutzt und sind gegen Eintritt ganzjährig zugänglich. Die Parkanlage wird von den Österreichischen Bundesgärten verwaltet und ist ganzjährig bei freiem Eintritt zugänglich.

 

Text: © Thomas Baumgartner

Photos dieser Seite: © trolvag CC BY-SA 3.0 (oben); Monika Frenzel (Mitte und unten)

 

 

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